Geschrieben von inFranken

Musik für den Hippie-Hof "Dr. Umwucht's Tanzpalast" im Interview

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Musik für den Hippie-Hof "Dr. Umwucht's Tanzpalast" im

Ihr erstes Konzert im Morph Club hat die Band „Dr. Umwucht’s Tanzpalast“ am Dreikönigstag vor sechs Jahren gespielt. Mittlerweile hat die Band, die ihren Stil als „Liedermacher-Jazz-Punk“ beschreibt, über 60 Auftritte hinter sich. Dazu zählen Konzerte in Bamberg, auf den Straßen bayerischer Kleinstädte sowie Auftritte auf Hippie-Hof-Festen, dem Kontakt-Festival und der „Klangtherapie“ in der Fränkischen Schweiz. Singer und Songwriter Thomas Kießlich, Gitarrist Andi Klenk und Saxofonist Raimund Schlenk sprechen im Interview über ihre Musik, das Konzert ihres Lebens, in die Jahre gekommene Sozialdemokraten und Muttis mit Kinderwagen als Geschäftsmodell für Straßenmusik.

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Auftritt in Fürth, 2015. Foto: Frank Schuh.
Was ist Liedermacher-Jazz-Punk und wie kamt ihr dazu?

 

Andi Klenk: Thomas und ich haben schon früher Musik zusammen gemacht. Unsere Schnittmenge war Liedermacher- und Reggae-Musik, in Richtung Hans Söllner und Manu-Chao. Thomas hat auch viel Blues gehört und gespielt. Dann kam Raimund dazu, er hat Jazz-Saxofon gelernt. Das hat sich dann alles in der Summe immer weiter entwickelt. In der Urbesetzung war es rockiger, nun ist es viel tanzbarer geworden.

Thomas Kießlich: Das merk ich auch beim Songschreiben: Wo ich früher vielleicht noch ein melancholisches Lagerfeuer-Lied gemacht hätte, geh ich das Thema heute ironischer an – und mach es tanzbar.

A.K.: Wir nutzen seit zwei Jahren auch elektronische Musik, also vom Funktionsprinzip her – die schnellen Bassläufe. Aber wir machen alles per Hand. Auch auf unseren Platten ist nichts elektronisch dazu produziert.

Für wen macht ihr eure Musik?

T.K.: Wir haben unterschiedliche Zielgruppen, je nach dem Ort, wo wir spielen. Die geilsten Spielorte für uns und unser Publikum sind Hippie-Hof-Feste. Weil da einfach die verrücktesten Leute sind und die anarchistischste Stimmung herrscht.

A.K.: Weil wir auch schon vor der Band auf solche Feste gegangen sind und Raimund auf dem Rattelshof lebt, der Basis ist für so eine Feier. Das waren auch unsere ersten großen Auftritte mit richtig guten Feedbacks…

Raimund Schlenk: …und richtig guten anderen Bands. Wir haben auch mal in Weimar gespielt, das war ähnlich wie die Klangtherapie: Viel Liebe in den Details und nicht ganz so große Bühnen, aber riesengroße Stimmung.

A.K.: Wir sind halt eine Live-Band zum Abfeiern. Die CDs sind eher Merchandise und nicht das eigentliche Produkt.

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Von links nach rechts: Andi Klenk, Thomas Kießlich, Nikolaus Durst, Raimund Schlenk, Jakob Fischer, David Grimm
Was war bisher euer bewegendster Auftritt?

R.S.: Ganz klar Klangtherapie, im Sommer 2015!

T.K.: Ja, das war für uns eine große Sache. Dann noch was Fachfremdes, ein Elektro-Festival. Wir waren die einzige Band, die gitarrenbasiert funktioniert. Und haben mit Samstag Abend um halb neun auch noch eine richtig gute Spielzeit bekommen. Lange vorher haben wir mit dem Aufbau angefangen, der DJ wollte noch ein letztes Lied spielen … und dann war plötzlich das Festival tot. Stromausfall. Licht, Ton, Alles. Auf einem Elektro-Festival ist es dann ziemlich ruhig. Es gab einen Leerlauf von rund einer halben Stunde bis dann die Jungs auf die Idee kamen „Wir spielen jetzt“, weil wir haben ja Straßenmusik-Erfahrung und so. Als dann das Schlagzeug draufgedroschen hat, bin ich runter in den Sand, in die Mitte des Zirkus-Zelts, und hab mir die Seele aus dem Leib geschrien. Dann sind bestimmt 200 Leute auf einen Schlag reingestürmt.

R.S.: Total atemberaubend, wie die abgegangen sind, zu akustischer Musik!

A.K.: Zu dem Zeitpunkt dachten die aber noch, wir sind der Stromausfall-Pausenclown.

R.S.: Ja und dann auf einmal ist der Strom wieder angegangen, der Bass kam dazu und die Leute sind dermaßen abgegangen, weil sie festgestellt haben: Da gibt’s ja noch ne Steigerung! Wahnsinn! Das waren dann zum Höhepunkt bestimmt 400 Leute, noch draußen vorm Zelt wurde getanzt.

A.K.: Ja, da haben wir das Konzert unseres Lebens gespielt.

Seit es eure Band gibt, macht ihr jeden Sommer eine Straßenmusik-Tour. Wo wart ihr bisher und was sind eure Eindrücke?

A.K.: Natürlich sind die Zielgruppen anders, wenn wir Straßenmusik machen. Dann sind das in die Jahre gekommene Sozialdemokraten, Muttis mit Kindern…

T.K.: … die sind besonders wichtig, weil die Muttis tanzen und die Kinderwagen versperren den Weg. Das ist unser Geschäftsmodell.

R.S.: Wir machen auf der Straße immer gute Erfahrungen. Zehn Minuten passiert nichts und dann stehen auf einmal zig Leute da. In Konstanz in der Unterführung haben wir auch schon für 100 gespielt. Da sind dann alle dabei und der Banker, den wir quasi beleidigt haben mit dem Text, wirft nen Fünfer rein.

T.K.: Wir stellen oft fest, dass gerade die Leute, die von einem Text peinlich berührt werden, etwas rein werfen oder die CD kaufen. Zum Beispiel ich singe „Arme Afrikaner, am Strande der Toskana,/ verkaufen Dolce und Gabana, an bayerische Bausparer“ und in dem Moment kommt ein zwei Meter großer Schwarzer vorbei, bleibt stehen, aber haut mir nicht aufs Maul sondern gibt uns zwei Euro.

R.S.: Wir wurden auch noch nie weggejagt. Man wird eher eingeladen auf Feste, die Leute bringen Schnaps, herrlich!

A.K.: Es kommt auch immer was dabei rum. Wir machen quasi kostenneutralen Aktivurlaub.

T.K.: Dieses Jahr im Allgäu blieb sogar was übrig.Wenn man jetzt nicht in Köln oder Berlin spielt sondern in einer Kleinstadt am Bodensee, dann ist man auch der große Fisch im kleinen Teich und die Leute sind viel dankbarer, dass mal was Anarchistisches passiert in ihrer Stadt.

A.K.: Deshalb haben wir das auch so entdeckt als Regionen für uns zum Spielen. Nicht dass wir Angst vor der Konkurrenz in Großstädten hätten, aber wir wollen einfach eine gute Zeit haben, ohne uns in einen Wettbewerb schmeißen zu müssen.

T.K.: Weil wir mit Wohnmobil und Kleinbus unterwegs sind und darin schlafen, ist auch ein Fluss oder See in der Nähe wichtig für uns.

Eure Texte sind größtenteils kritisch, haben aber meist einen ironischen Unterton. Bei manchen fällt jedoch eine gewisse Untergangsstimmung auf. Wie ist das zu verstehen?

T.K.: Die Weltuntergangsmetaphern sind Übertreibungen – so wie schnulzige Passagen in Lovesongs, die es bei uns halt nicht gibt. Stattdessen dient dieses Stilmittel zur Überbetonung von sozialen und politischen Problemen: viel Pathos mit ebenso viel Augenzwinkern.

Seht ihr euch als Bamberger Band und gibt es Kooperationen mit anderen Musikern in der Stadt?

A.K.: Auf jeden Fall, wir wohnen auch wieder alle da.

R.S.: Ich bin wegen der Band zurückgekommen!

T.K.: Ich auch. Und wegen der Stadt an sich. Ganz wichtig für uns ist auch die Kooperation mit der Bamberger Band „Brotmüller“: Wir teilen uns zwei Musiker und einen Proberaum.

A.K.: Die sind uns unglaublich ans Herz gewachsen und die Drummer schaffen es, ganz viel Energie und Initiative in „Dr. Umwucht“ zu stecken und trotzdem hauptsächlich bei „Brotmüller“ zu spielen.

T.K.: Mit „Charlotte“ haben wir am Anfang auch viel zusammen gespielt. Gerade mit Julian Körber, der viel geholfen hat als Mischer und als Basser. Unser erster Bassist hat ja während eines Konzerts die Band verlassen. Und Julian ist dann spontan eingesprungen.

A.K.: Wir sind hier auch in der Stadt viel engagiert, die Hälfte der Band zum Beispiel auf dem Kontakt-Festival.

T.K.: Und unser Auftaktkonzert jetzt im Januar spielen wir mit der jungen Band „Slam Elephant“. Die haben auf der Sandkerwa den Preis von der Blaubar gewonnen. Wir kennen die vom Rattelshof-Fest und fanden die richtig geil und auch kompatibel mit uns.

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Abkühlung vor der Bregenzer Festival-Bühne. Foto: Andreas Klenk.

T.K.: Wie soll es im neuen Jahr mit der Band weitergehen?

A.K.: Wir werden in Dresden spielen Ende Mai. Da wurden wir von einem DJ eingeladen, der auf dem Kontakt-Festival aufgelegt hat. Bei uns funktioniert noch alles auf Eigeninitiative. Wegen der vielen Arbeit überlegen wir aber, uns an eine Booking-Agentur zu wenden.

T.K.: Der Auftakt am 21. Januar ist auf jeden Fall wichtig. Unser erstes Konzert in Bamberg seit über einem Jahr! Danach hoffen wir auf ein paar schöne Hippie-Konzerte und viele Festivals.

Interview & Präsentation: Markus Klein